Unternehmen suchen KI-Experten. Dabei sitzen sie längst im eigenen Büro.
„Chef, wir haben jetzt übrigens ein Kundenportal."
Letzte Woche war ich beim Beraterkreis, einer Runde aus Unternehmern und Beratern, die sich regelmäßig austauscht. Wie so oft drehte sich die Diskussion um Künstliche Intelligenz: Welche Auswirkungen wird sie auf unsere Unternehmen haben? Welche Prozesse werden sich verändern? Und vor allem: Wie bauen wir eigentlich die notwendige Kompetenz im Unternehmen auf?
Je länger wir diskutierten, desto deutlicher wurde ein gemeinsames Gefühl: Wirklich tiefes KI-Wissen hat heute kaum jemand. Und niemand im Raum konnte sagen, wie Unternehmen diese Kompetenz langfristig aufbauen sollen. Externe Berater können Impulse geben, Schulungen vermitteln Grundlagen. Aber wie entsteht daraus eine Organisation, die mit dieser Entwicklung Schritt hält?
Mitten in diese Diskussion erzählte einer der Unternehmer eine Geschichte aus seinem Unternehmen.
Vor einigen Tagen kam ein Mitarbeiter in sein Büro und sagte: „Chef, wir haben jetzt übrigens ein Kundenportal."
Der Unternehmer schaute ihn überrascht an. „Wie bitte? Wir haben ein Kundenportal?"
Der Mitarbeiter erklärte, dass er in den vergangenen Wochen mit Hilfe moderner No-Code-Tools und Künstlicher Intelligenz einen funktionierenden Prototyp entwickelt hatte. Kein offizielles Projekt. Kein großes Budget. Keine Strategiepräsentation. Er hatte einfach ein Problem gesehen und begonnen, es zu lösen.
Was mich an dieser Geschichte beeindruckt hat
Es war nicht das Kundenportal.
Es war die Reaktion des Unternehmers.
Er fragte nicht, warum niemand informiert worden war. Er fragte nicht nach Freigaben oder Zuständigkeiten. Er sagte einfach:
„Das ist ja großartig."
Auf der Heimfahrt musste ich über diese Geschichte nachdenken.
Vielleicht suchen wir an den falschen Stellen nach KI-Kompetenz.
Vielleicht müssen wir sie gar nicht von außen einkaufen.
Vielleicht gibt es sie längst im Unternehmen.
Ich nenne diese Menschen Digital Explorer
Digital Explorer sind Mitarbeitende, die neue Technologien aus eigener Neugier ausprobieren. Sie entwickeln kleine Lösungen, testen neue Werkzeuge, automatisieren Prozesse und entdecken Möglichkeiten, lange bevor daraus offizielle Projekte entstehen. Sie tun das nicht, weil es in ihrer Stellenbeschreibung steht. Sie tun es, weil sie Freude daran haben, Dinge besser zu machen.
Ich bin überzeugt, dass jedes Unternehmen solche Menschen bereits hat.
Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, sie auszubilden.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie zu erkennen.
In meinem Artikel über Shadow AI habe ich geschrieben, dass Unternehmen die unerlaubte Nutzung von KI-Tools nicht nur als Sicherheitsproblem betrachten sollten, sondern auch als Lernsignal. Heute würde ich diesen Gedanken erweitern: Hinter vielen dieser Initiativen steckt kein Regelbruch. Dahinter steckt häufig ein Digital Explorer – ein Mensch, der das Unternehmen bereits in die Zukunft zieht, ohne dass es jemand bemerkt.
Was das für Führung bedeutet
Die Aufgabe besteht heute nicht mehr nur darin, eine KI-Strategie zu entwickeln oder die richtigen Tools auszuwählen. Sie besteht darin, die Menschen sichtbar zu machen, die bereits begonnen haben, den Wandel voranzutreiben. Diese Mitarbeitenden brauchen keine detaillierten Anweisungen. Sie brauchen Orientierung, Austausch und einen sicheren Rahmen, in dem sie experimentieren können. Vor allem aber brauchen sie Sichtbarkeit. Denn erst wenn ihre Erfahrungen geteilt werden, entsteht aus einzelnen Experimenten ein echter Kulturwandel.
Der erste Schritt dafür ist einfacher, als viele denken. Er passt in eine einzige Frage im nächsten Team-Meeting:
„Wer hat in den letzten Monaten etwas mit KI gebaut oder ausprobiert, von dem ich nichts weiß?"
Ich verspreche: Die Antworten werden überraschen.
Die bessere Frage
Vielleicht stellen wir Unternehmen deshalb heute die falsche Frage. Statt zu fragen: „Welche KI sollen wir einsetzen?", sollten wir zuerst fragen: „Wer sind eigentlich unsere Digital Explorer?"
Denn Technologie kann jedes Unternehmen kaufen.
Neugier, Eigeninitiative und Veränderungsbereitschaft nicht.
Ich glaube, die Unternehmen, die in den kommenden Jahren besonders erfolgreich mit Künstlicher Intelligenz arbeiten werden, sind nicht zwangsläufig diejenigen mit den größten Budgets oder den modernsten Modellen. Es werden die Unternehmen sein, die ihre Digital Explorer erkennen, miteinander vernetzen und ihnen den Raum geben, den Wandel aus dem Unternehmen heraus mitzugestalten.
Die Zukunft eines Unternehmens beginnt deshalb oft nicht mit einer neuen KI.
Sie beginnt mit einem Mitarbeiter, der eines Tages in das Büro seines Chefs geht und sagt:
„Chef, wir haben jetzt übrigens ein Kundenportal."
Wie Unternehmen ihre Digital Explorer systematisch erkennen, vernetzen und aktivieren können, habe ich im Digital Explorer Framework beschrieben.
Wenn du herausfinden willst, wer in deinem Unternehmen bereits unterwegs ist – lass uns sprechen.