Christian steht vor seiner Waschmaschine. Seine Sportsachen sind verschwitzt und in dreißig Minuten muss er bereits wieder los. Er möchte die Kleidung möglichst sauber waschen und sie anschließend direkt in den Schrank legen können. Früher hätte er jetzt überlegen müssen, welches Programm wohl am besten geeignet ist. Sportwäsche? Kurzprogramm? Höhere Schleuderdrehzahl? Längere Einweichzeit? Wie so oft musste der Nutzer selbst entscheiden, welcher Kompromiss der richtige ist.
Doch dieses Mal läuft es anders.
Christian sagt einfach: „Ich habe verschwitzte Sportsachen und nur dreißig Minuten Zeit. Ich möchte sie möglichst sauber waschen und danach direkt in den Schrank legen können."
Die Waschmaschine antwortet: „Ich kann den Waschzyklus entsprechend anpassen. Wenn ich die Einweichphase verkürze und diese Zeit für einen längeren leichten Schleudergang nutze, werden die Kleidungsstücke deutlich trockener. Die Reinigungsleistung sinkt dabei allerdings leicht. Möchtest du diesen Kompromiss eingehen oder soll ich die Reinigung priorisieren?"
Christian bestätigt. Die Maschine startet.
Sie hat kein Sportprogramm ausgewählt. Sie hat kein Kurzprogramm ausgewählt. Sie hat für genau diese Situation ein neues Programm erzeugt.
Genau dieses Beispiel hat mich nach unserer China-Innovationsreise im April nicht mehr losgelassen.
Die eigentliche Entwicklung hinter der KI-Debatte
Seit Monaten dreht sich die KI-Debatte in Europa vor allem um Sprachmodelle wie ChatGPT, um KI-Agenten und um die Automatisierung von Workflows. Wir vergleichen Modelle, diskutieren Datenschutz und Governance und beobachten gespannt jede neue Veröffentlichung. All diese Themen sind wichtig und relevant. Gleichzeitig frage ich mich immer häufiger, ob wir dabei die eigentliche Entwicklung übersehen.
Denn während wir noch darüber sprechen, welche KI wir einsetzen wollen, entsteht in China bereits die nächste Evolutionsstufe. Dort wird künstliche Intelligenz zunehmend direkt in physische Produkte integriert. Nicht als separates Feature und nicht als eigenständige Anwendung, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Produkts selbst.
AIoT – wenn Produkte beginnen, intelligent zu handeln
Für diese Entwicklung gibt es inzwischen einen Begriff: AIoT – Artificial Intelligence of Things. Vielleicht beschreibt Intelligence of Things die Idee sogar noch besser. Denn am Ende geht es nicht darum, dass Geräte irgendein KI-Modell enthalten. Es geht darum, dass sie beginnen, intelligent zu handeln.
Vor einigen Jahren galt das Internet of Things als eines der großen Zukunftsversprechen. Geräte sollten miteinander verbunden werden, Daten austauschen und sich gegenseitig informieren. Doch Vernetzung allein schafft nur begrenzten Mehrwert. Eine Waschmaschine, die mir eine Push-Nachricht schickt, sobald sie fertig ist, ist praktisch. Sie verändert aber nicht grundlegend die Art, wie ich sie benutze.
Eine Waschmaschine hingegen, die meine Absichten versteht, Rückfragen stellt, verschiedene Prioritäten gegeneinander abwägt und ihren gesamten Waschzyklus dynamisch an meine Bedürfnisse anpasst, verändert das Nutzererlebnis fundamental. Sie wird nicht nur vernetzt. Sie wird intelligent.
„Heute wählen wir aus einer Liste vorgegebener Programme aus. Morgen beschreiben wir lediglich unser Ziel – und das Produkt entwickelt selbstständig den besten Weg dorthin."
Der entscheidende Unterschied ist dabei subtil, aber weitreichend. Heute wählen wir aus einer Liste vorgegebener Programme aus. Morgen beschreiben wir lediglich unser Ziel und das Produkt entwickelt selbstständig den besten Weg dorthin. Die Benutzeroberfläche der Zukunft besteht nicht mehr aus Menüs und Einstellungen. Sie besteht aus einem Gespräch.
Haier und das Jahr der vollständigen KI-Implementierung
Ein Unternehmen, das diese Richtung bereits heute konsequent verfolgt, ist Haier. Der chinesische Haushaltsgerätehersteller hat 2025 zum ersten Jahr seiner vollständigen KI-Implementierung erklärt – und zwar nicht als Premiumfunktion für einzelne Produkte, sondern über die gesamte Produktlinie hinweg.
Diese Aussage hat mich nachdenklich gemacht.
Denn es geht dabei längst nicht mehr um eine intelligente Waschmaschine oder einen smarteren Kühlschrank. Es geht um die Vorstellung, dass künftig nahezu jedes elektrische Gerät mit künstlicher Intelligenz ausgestattet wird und dadurch beginnt, seine Umgebung zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und sich kontinuierlich an die Bedürfnisse seiner Nutzer anzupassen.
Wenn sich dieser Ansatz durchsetzt, sprechen wir nicht mehr über einzelne KI-Anwendungen. Wir sprechen über eine Welt, in der Intelligenz zu einer Grundeigenschaft von Produkten wird – so selbstverständlich wie heute WLAN oder Bluetooth.
Eine globale Verschiebung
Betrachtet man die globale Entwicklung, zeichnen sich dabei unterschiedliche Schwerpunkte ab. Die USA konzentrieren sich vor allem auf die Entwicklung der zugrunde liegenden Modelle, Plattformen und Chips. Deutschland nutzt künstliche Intelligenz besonders erfolgreich in industriellen Anwendungen wie Smart Factories oder Predictive Maintenance. China hingegen integriert KI zunehmend direkt in Alltagsprodukte und macht sie damit zu einem unsichtbaren Bestandteil des Nutzererlebnisses.
Die unsichtbare Revolution
Das Spannende daran ist, dass diese Revolution vermutlich kaum sichtbar sein wird. Niemand wird in wenigen Jahren eine „KI-Waschmaschine" kaufen. Die Menschen werden einfach eine bessere Waschmaschine kaufen. Eine, die ihre Bedürfnisse versteht, Rückfragen stellt und für jede Situation eine individuelle Lösung entwickelt. Die künstliche Intelligenz verschwindet dabei vollständig im Hintergrund und wird zur selbstverständlichen Fähigkeit des Produkts.
Vielleicht diskutieren wir deshalb heute über die falschen Fragen. Wir vergleichen Modelle, testen neue Agenten und optimieren Prompts. Gleichzeitig könnte sich der eigentliche Wettbewerb längst verlagern – hin zu der Frage, welches Unternehmen künstliche Intelligenz am konsequentesten in seine Produkte integriert und dadurch bessere Nutzererlebnisse schafft.
Die erste Welle der KI hat Software intelligenter gemacht. Die nächste Welle macht Produkte intelligenter. Sie ersetzt starre Funktionen durch dynamische Entscheidungen und Menüs durch Gespräche.
Vielleicht findet die nächste KI-Revolution deshalb tatsächlich nicht auf unserem Bildschirm statt.
Sondern in unserer Waschmaschine.
Wenn dich interessiert, wie AIoT Branchen und Produkte verändert, wirf einen Blick auf die Keynote.